Eine Reportage aus der Wachkoma-Station in Bopfingen
Ein Patient pro Jahr kommt zurück aus den Komatiefen, beginnt wieder zu kommunizieren, lernt wieder zu essen und zu trinken. Die meisten dieser Heimkehrer ins bewusste Leben sind noch lange oder bleiben immer Pflegefälle. Die Wachkomastation in Bopfingen gehört organisatorisch und personell zum Ostalb-Klinikum. Das Einzugsgebiet dehnt sich etwa 75 Kilometer in alle Richtungen aus, also Heidenheim inklusive.
Eine Reportage von Rainer Wiese.
Frau Brannt kommt jeden Tag um halb elf am Vormittag. Seit zwei Jahren besucht sie ihren Sohn in der Wachkoma-Station. Oliver liegt in Zimmer 6. Vor zweieinhalb Jahren ist es passiert. Oliver war unterwegs mit dem Mountainbike, stürzte irgendwann am Nachmittag. Der Helm zerbricht. Bewusstlos bleibt er liegen. Er wird erst am Abend gefunden. Auf der Intensivstation bleibt er bewusstlos. Oliver hat immer mal die Augen offen, der Blick scheint nichts aufzunehmen. Keine Reaktion auf Berührung und Ansprache. Wachkoma. Eleonore Brannt spricht mit ihrem Sohn. Erzählt aus ihrem Alltag, grüßt von diesen und jenen Bekannten. Sie bringt Erinnerungstücke mit, das Ferrari-Handtuch, die Fotos von der Zugspitze vor drei Jahren, eine weitere Musik-CD aus Olivers Sammlung. Die CD legt sie in den Radiorecorder ein: „Das ist jetzt Celine Dion, Oliver, die hast du doch mal richtig gut gefunden, Oliver.“ Sie drückt auf die Playtaste. Oliver zeigt keinerlei Reaktion. „Aber man weiß ja nicht, was in ihm vorgeht. Ich glaube einfach, dass er mich hört, ich glaub’s einfach. Und dass er wieder zurückkommt,“ sagt sie trotzig und ihre Stimme zittert ein wenig. Etwa ein Patient pro Jahr kommt zurück aus den Komatiefen, wacht auf, lernt wieder zu essen und zu trinken. Die meisten dieser Heimkehrer ins bewusste Leben sind noch lange oder bleiben immer Pflegefälle, berichtet Knut Frank. Er leitet die Station die Wachkomastation in der Bopfinger Jahnstraße. Die Einrichtung gehört organisatorisch und personell zum Ostalbklinikum. Das Einzugsgebiet dehnt sich etwa 75 Kilometer in alle Richtungen aus. „Wir müssen schon schauen, dass die Station ausgelastet ist“, sagt Frank. 18 Plätze gibt es, 16 bis 17 sind üblicherweise belegt. Konkurrenz sind nicht die Wachkomastationen in der weiten Umgebung, sondern die private, häusliche Pflege. Ein Systemfehler führt zu einer nahezu bizarren Situation: Es geht um Patienten, die eine Trachialkanüle brauchen, weil sie nicht schlucken können und der Speichel in die Bronchen geriete. Bei dieser häufigen Komplikation ist Pflege rund um die Uhr nötig. Die kann in der Wachkomastation geleistet werden. Dort fallen dafür Zusatzkosten an in Höhe von gut 3000 Euro monatlich. Diese werden von keiner Krankenkasse oder einem anderen Kostenträger übernommen, die Familie des Patienten muss zahlen. Wenn der Patient mit Trachialkanüle aber zu Hause lebt und gepflegt wird, hat er einen gesetzlichen Anspruch auf 24-Stunden-Pflege, die von externen Profipflegern in täglich fünf Schichten geleistet und von der Krankenkasse bezahlt wird. Das ist teurer als 3000 Euro im Monat.
Knut Frank betritt das Zimmer 12. Er bleibt an der offenen Tür stehen und schaut auf die Patientin, die er wie alle anderen „Bewohnerin“ nennt. Bevor er die 40jährige mit ihrem Namen anspricht, hat er lange und genau hingeschaut: „Ich weiß vorher nie, was der Bewohner mir anbietet“, begründet Frank seine Sorgfalt, „der Zustand ändert sich sehr oft.“ Spätestens alle drei Stunden wird jeder Patient angeschaut, wird die Lage verändert, werden Vitalfunktionen und Instrumente am Patienten kontrolliert, rund um die Uhr. Tagsüber werden mit jedem Bewohner je nach dessen Zustand therapeutische Maßnahmen durchgeführt wie Aufenthalt im Snoozle-Raum oder im Raum der Sinne, Stimulationen der Haut, der Sinne mit Aromen oder besonderem Licht oder Musik, physiotherapeutische Anwendungen, für die externe Therapeuten in die Station kommen. Immer geht es darum, die Kommunikation auf- oder auszubauen, den Patienten aus der völligen Isolation zu holen und nicht auf dem Abstellgleis zu lassen. Die Arbeit auf der Wachkomastation ist produktiv und weit mehr als Versorgung der Patienten mit dem Nötigsten. Immer wird mit den Patienten gesprochen, als wären sie bei Bewusstsein. „Ja,“ sagt Frank, „wir sehen die kleinen und manchmal auch größeren Fortschritte“, und nennt eine Erfolgsquote von ungefähr zehn Prozent. Die Zustände der Patienten sind je unterschiedlich, von tiefem Koma über Zwischenstufen bis zur Ansprechbarkeit und nahezu normaler Kommunikationsfähigkeit und der Chance zur Mobilisierung. Ein wichtiger Teil der Arbeit sei das intensive Gespräch mit den Angehörigen, Knut Frank spricht von „Biographiearbeit“, in der es darum geht, Reizpunkte zu finden, an denen mit individuell entwickelten Impulsen und Stimulationen angesetzt werden kann.
Eleonore Brannt hat sich von ihrem Sohn verabschiedet, mit dem sie heute wie alle Tage über eine Stunde lang geredet hat. Auf dem langen, wohnlich, hell und bunt gestalteten Flur sagt sie: „Ach, es ist schon schön, dass er da ist, mein Oliver, und dass er hier sein kann.“ Und jetzt zittert die Stimme gar nicht.
Dr. Rainer Wiese, www.Regioblog-Ostwürttemberg.de, 15.07.2016